Wie war’n das damals?

Ein Repost

Aus einem gegebenen Anlass reposte ich hier meinen Beitrag zum 25jährigem Jubiläum des Mauerfalls, welchen ich vor ca. 4 Jahren geschrieben habe. Daher auch die „25er“ Zahlen.

Wie war’n das damals?

Als die Mauer fiel, war ich gerade mal 11 Jahre alt.
Man sollte meinen, ich wisse da nichts mehr von, aber es gibt Ereignisse und Vorgänge, die sich auch in Kinderköpfe einbrennen und vorhanden bleiben. Damit sind hier aber keine Traumata gemeint.

Vor 25 Jahren, am 04. September 1989 begannen die ersten Montagsdemonstrationen eines Volkes, deren Frust das erträgliche Maß weit überschritten hat. Damit begann der Zerfall der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
Ich möchte hier aber keine Geschichtsstunde von bekannten Fakten halten, denn diese können im Internet recherchiert werden.

Wie ich den Moment der Wende erlebt habe…

Wir waren damals, am 9. November 1989 bei Freunden meiner Eltern. Es war an sich ein ganz gewöhnlicher Besuch, den wir dort alle paar Wochen oder Monate vollzogen. Ich hatte den ganzen Tag mit den anderen Kindern draußen gespielt, als das noch okay war und man nicht in Watte gepackt wurde. Schmutzig vom Staub und Dreck der Natur kamen wir rein und bekamen ein paar „Stullen mit Wurst“. Das Übliche und es hat geschmeckt.
Ein Fernseher hatten bereits viele Haushalte, so auch die Bekannten meiner Eltern. Ich weiß es nicht mehr genau, ob die „Neuigkeiten“ (muss ich mal in Anführungszeichen setzen, denn es war mehr als nur Neuigkeiten) zur regulären Nachrichtenzeit ausgestrahlt wurden oder ob es eine Sondersendung war.

Es wurde verkündet, dass die deutsch-deutsche Mauer in Berlin geöffnet wurde und das seit über 40 Jahren geteilte deutsche Volk sich in die Arme fiel.
Meine Mutter stand erst mit offenem Mund vor dem Fernseher und konnte nicht so recht glauben, was sie dort sah und hörte. Einen Moment später fiel sie rückwärts auf das Sofa (nein, keine Ohnmacht) und hielt sich vor Schrecken oder Erstaunen die Hand vor dem Mund und holte einen tiefen aber hörbaren Luftzug, wie, wenn man sich erschreckt („Huch“, halt). Mein Vater stand wie angewurzelt mitten im Wohnzimmer und starrte nur. Kein Ton, keine Regung.
Es war eine sonderbare Stimmung in Raum die einem Schock glich.

Ich als kleiner Steppke wusste eigentlich nicht viel damit anzufangen und habe skeptisch auf meine Eltern und deren bekannte geglotzt, als sie sich Momente später heulend in die Arme fielen und laut zu jubeln anfingen.

Das war also das Ende der DDR. Ein völlig normaler Nachmittag des Spielens endete mit einer der größten Ereignisse in der Geschichte Deutschlands.

Wie ging es weiter?

Am nächsten Tag gingen wir alle gemeinsam zu unseren Nachbarn, da sie mit die Einzigen in der Straße waren, die ein Telefon besaßen. Hektisch, freuend und weinend wurde ein Telefonat nach dem Anderen geführt.
Meine Mutter bekam dann von meiner Großmutter die Telefonnummer der Cousine meines Vaters. Ihre Familie ist vor dem Bau der Mauer in Richtung Westdeutschland nach Nordrhein-Westfalen gezogen. Die Cousine wohnte jetzt in Paderborn.
Wieder folgte ein sehr emotionales Telefongespräch über die Ereignisse des Vortages. Die folgenden Worte habe ich mir nicht gemerkt, sofern noch welche folgten, denn ich war mit dem Nachbarshund beschäftigt.

Was dann folgte war eine Hektik, die mit intensivem Kofferpacken einher ging. Es hieß, wir fahren zu Besuch zur Verwandtschaft in Paderborn. Ich kannte die eigentlich nur von einem einzigen Foto, was sie uns mal mit einem sogenannten „Westpaket“ zusammen geschickt hatten.
Als der Trabbi dann endlich fertig gepackt war (Kofferraum total dicht, Fußraum hinten auch) ging es los.

Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, wir sind bei Vorsfelde über die Grenze gefahren. Das war der nächste Ort im „Westen“ nach Oebisfelde auf der „Ostseite“. Nach der Überquerung der Grenze war ich wieder einmal total verwirrt:

Massen von Menschen standen auf der anderen Seite der Mauer, sie klopften mit flachen Händen auf das Autodach, haben gewunken und meinen Eltern tränenüberströmt die Hände geschüttelt.
Bananen, Fanta, Coca Cola, Milka und was es nicht alles gab wurde durchs offene Fenster als Begrüßungsgeschenke der Anwohner hineingeworfen und meine Mutter hatte kräftig zu tun, alles zu uns Kinder nach hinten zu hiefen.

Nachdem diese unwirkliche Situation an der Grenze hinter uns lag, sind wir zur nächsten Bank gefahren und haben uns unser Begrüßungsgeld in Höhe von 100DM abgeholt. Komisches Geld war das. Im nächsten Touristikbüro holte sich mein Vater noch eine Landkarte, da unser jahrelang gültiger und zuverlässiger Autoatlass eben nur die DDR abgebildet hat, dafür bis ins letzte Detail.

Eine kleine Irrfahrt durch das „neue Land“

Die Landkarte war auch detailliert, aber irgendwie nicht so richtig oder einfach, weil das neue Land einfach größer und unbekannter war, als unsere nicht mehr bestehende DDR. Die grobe Richtung nach Paderborn war aber trotzdem schnell gefunden und so ging es dann mit Vollgas (naja, gerade mal 90km/h, aber das war schon schnell) in Richtung Paderborn.

Ich habe die gesamte Fahrt über meine Nase an der Autoscheibe plattgedrückt, um die ganzen „Westautos“ zu begutachten, die mir zum großen Teil absolut fremd waren.

Offenbar verpassten wir irgendeine Ausfahrt und landeten mitten in Bielefeld. Hier musste sich mein Vater erstmal wieder erneut an den Straßenschildern orientieren und war schon sehr angespannt.
Als wir an eine roten Ampel heranfuhren, raste plötzlich ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei, über die Ampel drüber und bog in die nächste Querstraße direkt nach der Ampel ein und hielt dort mit Warnblinker an.
Eine Frau mittleren Alters kam mit Tränen auf unser Auto zugelaufen und klopfte hektisch an die Scheibe. Mein Vater kurbelte runter und sie stammelte total gerührt in etwa: „Wir freuen uns ja so, dass ihr wieder hier seid. Hier habt ihr 20 Mark Tankgeld. Ich bin ja so glücklich.“. Danach verschwand sie wieder und meine Eltern schauten sich ungläubig und perplex an. Weiter ging die Fahrt in Richtung Paderborn.
Nach weiteren kleinen Irrfahrten kamen wir endlich an und dort fielen sich unsere Verwandten und meine Eltern mit Freudestränen in die Arme.

So viel Neues O_O

Es war alles irgendwie neu, einfach alles. Die Möbel, die Tapeten, allgemein die gesamte Inneneinrichtung. Es gab zum Essen zwar Brot, das hat aber irgendwie richtig gut geschmeckt. Wurst und Käse im Überfluss, Nutella, Schwartau Marmelade und was man sonst aus der „Westwerbung“ kannte, was man eigentlich in der DDR nicht sehen durfte.
Auch Coca Cola und Fanta waren mit dabei und haben uns außerordentlich gut geschmeckt. (Heute trinke ich doch lieber Spartenprodukte mit weniger Zucker).

Ich sollte im Zimmer einer meiner Großcousins schlafen. Er zog dafür mit in das Zimmer seines Bruders.
Direkt über meinem eingerichteten Bett hing eine große Deutschlandfahne mit dem Bundesadler als Eblem. Kurz vor dem Einschlafen gingen mir folgende Gedanken durch den Kopf: „Ich glaube das nicht, ich penne im Westen, ich bin echt im Westen!“.

Die folgenden Tage verliefen ohne besondere Erwähnungen. Gut, ich habe einen Heimtrainer ausprobiert (komisch, ein Fahrrad was im Zimmer steht und sich nicht fortbewegt O_o), ein kleines Keyboard (Casio oder was auch immer) und war dann total hin und weg vom Atari ST meines jüngeren Cousins. Computer! Was für eine klasse Erfindung!!

Als wir spazieren gingen, gab uns unsere Mutter jedem von uns zwei 20DM, die wir im nächsten Laden nach Belieben ausgeben durften. 20DM waren schon sehr viel Geld damals für uns Kinder!!
Ich kaufte mir eine Packung „Super Dickmanns“ und glaube eine Tüte „Haribo Gummibärchen“. Meine Schwester griff zur Bravo, die ich auch wollte, aber ich las eine Zahl von 50.000 DM und legte sie lieber wieder weg. Später stellte sich heraus, dass die Zeitschrift eigentlich günstig war und der große Wert zu einem Gewinnspiel gehörte, aber woher sollte ich das wissen, wenn es so etwas bei uns nicht gab?
Egal, so hatte ich wenigstens noch einiges an Geld übrig, was die Tage dann schon noch gut leer geworden ist.

Sodele…

Das waren meine Erlebnisse vor 25 Jahren, an denen ich mich noch so gut erinnern kann. Ich werde diese Momente wohl nie vergessen und meiner Frau, die aus dem „Westen“ stammt, wohl immer wieder mal erzählen.

Ich persönlich finde, dass dies schöne und spannenden Erinnerungen sind, die es auch wert sind, sie mit anderen zu teilen.

Vielen Dank für’s Lesen!!

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